Praxistipps an werdende Dolmetscher

Schwierigkeitsfaktoren von Quelltexten

Welche Schwierigkeiten können Quelltexte Dolmetschern bereiten und wie sind diese zu meistern? Auf Basis der Auswertung professioneller Dolmetschern haben wir 11 Faktoren identifiziert.

1. FACHTERMINOLOGIE

Der deutlichste Schwierigkeitsfaktor ist die Anzahl unbekannter Wörter oder Fachtermini. Ein guter Dolmetscher lernt bis zu seinem Tod neue Wörter und die Übersetzung eines wachsenden Arsenals an Wörtern wird zum Automatisums. Eine zentrale Aufgabe der Vorbereitung ist die Zusammenstellung eines Glossars. Hierzu verwendet er primäre Texte von Kunden, Vortragenden etc. oder sonstige Texte im jeweiligen Thema im Internet (Artikeln, Einträge in online Lexika, Websites von Unternehmen oder Organisationen). Die Zusammenstellung des Wörterbuchs und dem Dolmetsch-Einsatz wird am besten von mindestens einer Nacht getrennt, aber selbst ein morgen früh zusammengestelltes Glossar ist besser als gar keins.

Praxistipp: Glossare erstellen

Kopieren wir den themenrelevanten Text, z.B. Artikel aus dem Browser in das Textverarbeitungsprogramm. Stellen wir die Sprache der Rechtschreibprüfung ein, um Verschreiber gewahr zu werden. Lesen (und deuten) wir den Text. Bei angehaltener Strg-Taste klicken wir doppelt auf die Wörter die wir ins Glossar aufnehmen wollen. Sind wir am Ende angelangt, öffnen wir ein neues Dokument und kopieren den Inhalt der Zwischenablage hinein (Strg-V). Die Wörter müssten untereinander, getrennt von Zeilenumbrüchen stehen. Bei Bedarf können wir die Wörter alphabetisch ordnen mit dem Befehl A->Z in der Registerkarte Start in Sektion Zwischenablage (MS Word). Wandeln wir diese Liste von Wörtern in eine Tabelle um: Markieren wir alles mit Strg-A und wählen auf Registerkarte Einfügen den Befehl Tabelle/Tabelle einfügen. Die Wörter gelingen somit in die Zellen einer einsäuligen Tabelle. Geben wir der Tabelle eine neue Säule hinzu mittels Kontext-Menü oder mit dem Plus-Symbol in der oberen rechten Ecke.

Für die Rohübersetzung der Wörter bietet der Google Übersetzer eine ganz gute Lösung oder – zumindest zwischen indoeuropäischen Sprachen – deepl.com eine noch bessere. Stellen wir das Ergebnis auf die Zwischenablage (Dokument-Symbol unter dem Textfeld oder Markeirung und Strg-C), kehren zurück in den Textverarbeitungsprogramm, wo wir die leere Säule mit dem Pfeil nach unten markieren, und überschreiben sie mit Strg-V. Alle, von Zeilenumbrüchen getrennte Begriffe landen somit in separaten Zellen. Überprüfen wir die letzte Zeile ob die Säulen bis zum Ende synchron sind.

Gehen wir die Wortliste nun auf jeden Fall durch. Es gibt keine Garantie, dass ein online Wörterbuch oder ein Übersetzer die besten Lösungen in diesem Kontext bietet. Der Kontext-sensitive Deep-L kann auf jeden Fall bessere Ergebnisse liefern, wenn wir unterhalb der Wörter den ganzen ursprünglichen Artikel mit reinkopieren. Wir vermeiden trotzdem nicht, einzeln über die Wörter nachzudenken – was aber auch keine verschwendete Zeit ist, weil wir sie ja inzwischen auch einprägen.

Im Sinne eines längerfristigen Terminologie-Managements empfiehlt es sich, die Tabelle nun in ein Tabellenkalkulationsprogramm zu kopieren, indem die unterschiedlichen Arbeistblätter derselben Datei (MS Excel: „Workbook“) der Speicherung diverser Fachgebiete dienen. Diese können wir leicht in CAT-Software importieren, sollten wir auch mal übersetzen.

Sollte in der fremdsprachlichen Quelltext doch ein Fachbegriff auftauchen, dessen zielsprachliche Gegenstück dem Dolmetscher unbekannt ist, oft kann die Lösung sein, die übliche Form der Übernahme zu verwenden; als Überbrückung bis einem das Wort in der Muttersprache einfällt.

Bei Konsekutivdolmetschen macht sich der Dolmetscher Notizen; für die häufigsten Wörter benutzt er einen Bestand aus ca. 100 Wörtern, für die restlichen Wörter lässt er sich Abkürzungen einfallen. Fremde Wörter abzukürzen ist aber nicht immer eine gute Idee, weil man sich nach einigen Minuten nicht unbedingt erinnern wird. Und Zeit ist, wie wir im Folgenden sehen werden, ein kostbares Gut beim Dolmetschen; jede Millisekunde wird benötigt.

2. REALIEN

Einrichtungen, Ämter, Gesetze, Titel wichtiger Verträge, Verordnungen, Namen von Ereignissen – meistens Ausdrücke aus mehreren Wörter, welche der zielsprachigen Zuhörern nur auf der ganz genauen fixen Entsprechung einfallen, ausserdem sollte man auch verstehen, worauf sie sich beziehen.

Für die Erklärung kultureller Realien (wie z.B. „die Rede von Őszöd“) bleibt bei Synchrondolmetschen keine Zeit übrig, aber bei Konsekutivdolmetschen ist es zweckmäßig, sie in groben Zügen zu umschreiben (Rede des Ministerpräsidenten auf der Parteiversammlung von 2006) – wofür man allerdings den jeweiligen historischen Kontext kennen sollte. Eine mildere Form ist, wenn die kulturelle Realie (z.B. Trianon) auf der anderen Sprache von einem anderen Eigennamen bezeichnet wird (der Friedensvertrag von Versaille).

Eine sichere Methode zur Erschöpfung des Dolmetschers ist die Häufung von Realien, was in den eröffnenden Reden auf Konferenzen, politischen Foren oft vorkommt. Beispiel:

Wir danken den [Position+Personenname], dass die Gesandten von [Einrichtung+Ort], geleitet von [Position+Personenname] im wunderschönen Gebäude des [Einrichtung+ Ort] empfangen werden, damit wir aus dem Anlass des [Name des Ereignisses] gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen des [Ereignisses] finden.

Nur eines ist wichtiger als die letzten Sätze einer Rede, und zwar ihr Anfang; ist der Dolmetscher unsicher, fällt am allermeisten an diesen Stellen auf.

Die Vorbereitung ist auch hier von entscheidender Bedeutung; im Idealfall hat der Dolmetscher die Namen, Positionen und Einrichtungen von Organisatoren und Teilnehmern, sowie die Namen von relevanten Ereignissen und Dokumenten auf Papier.

Bleibt ihm nach der Zusammstellung einer solchen Liste bzw. eines Glossars noch Zeit, sollte sich der Dolmetscher möglichst tief in die Materie einarbeiten – dazu später mehr im Punkt Fremdartigkeit des Themas (der Zusammenhänge).

Realien bilden meistens kritische Informationen, ohne derer nicht nur der Inhalt sinnlose wäre; es fehlten ausserdem wichtige Säulen des Satzes.

Praxistipp: Flashkarten beim Lernen von Wörtern und Realien

Stellen wir uns die folgende Situation vor: wir werden an einer Veranstaltungsreihe eines unbekannten Fachbereichs dolmetschen. Wir haben das Glossar erstellt, aber angesichts der uns bevorstehenden Belastung möchten wir den wichtigsten Teil des Wortschatzes „in unserer Eingeweide“ haben. Hier kann das klassische Büffeln von Flashkarten hilfreich sein, was schon seit geraumer Zeit von Computerprogrammen oder neuerdings auch von Smartphone-Apps wie ANKI ermöglicht wird.

In diesen Programmen importiert man seine Glossare – Wortlisten – im CSV-Format – welches auch ein Exportformat von Excel ist. Man kann einstellen, wie viele Wörter man pro Sitzung lernen möchte. Man sollte nicht übertreiben; tägliches Lernen ist absolut empfehlenswert, jedoch nicht mehr als 10 bis 20 Wörtern.

Das Programm deckt eine Bedeutung des Wortes sozusagen auf, und wir sprechen die zielsprachige Entsprechung aus. ANKI verrichtet keine Wellenform-Analyse, wir sind unsere eigenen Aufseher. Die Karte wird auf Klick „umgedreht“ und wir können mithilfe dreier Buttons auswählen, ob wir

  • den Begriff aus dem Effeff beherrschen
  • nur teilweise oder ungenau wussten,
  • keinen Schimmer hatten.

Im ersten Fall wird das Programm die Karte in der nächsten Sitzung noch mal einsetzen, und wenn wir auch da bestätigen, dass sie keine Herausforderung mehr ist, verschwindet sie aus der Packung.
Auch im zweiten Fall können wir damit rechnen, die Karte noch weitere Male zu Gesicht zu bekommen.
Im dritten Fall wird die Karte noch in derselben forciert; so wiederholen sich am Ende nur noch die schwierigen Begriffe, so lange, bis wir allen mindestens die mittlere Bewertung zugewiesen haben.

Es liegt auf der Hand, in der Sprachrichtung zu lernen, in der wir später Arbeiten sollten. Aber da auf den meisten Konferenzen und praktisch in allen Liaison-Situationen hin und zurück arbeiten müssen, empfiehlt es sich, eher die Wörter unserer Muttersprache abzufragen – das heißt, das schnelle Abrufen der fremdsprachlichen Wörter zu über.

3. DATEN

3.1 ZAHLEN

Die Übersetzung von Zahlen wird erschwert, wenn vor oder nach der Zahl eine Stelle intensiven Übersetzungsbedarfs steht; dies kann z.B. ein Wirtschaftsindikator sein, dessen zielsprachliche Entsprechung man genau kennen müsste. Zur Zahl gesellen sich häufig Maßeinheiten.

Rundet er die Zahl mangels Ressourcen ab (lässt Hundertstel, Tausendstel weg), steht der Dolmetscher auf der sicheren Seite, wenn er Zusätze wie: „in etwa“ oder „ungefähr“ hinzufügt. Bei bis zur letzten Stelle angegebenen Millionenwerten lohnt es sich die Wendung „mehr als“ zu verwenden, und wenn alle Stricke reissen, sind Lösungen wie „mehrere Millionen“ immer noch besser als die Zahl ganz wegzulassen.

In Englisch und in Deutsch sind die Zahlen zwischen 13 und 19 leicht mit den Zehnern zwischen 30 und 90 – und umgekehrt – zu verwechseln. Hier gibt es eine Überschneidung mit Punkt 2. Verhörer. Weniger mit den Verhörern zu tun hat aber das Kalkül der kontinentalen bzw. angelsächischen Zehnerpotenzen. Die Übersetzung von Maßeinheiten verbirgt so viele Stolpersteine, falsche Freunde, da sollte man sich extra Zeit für eine Auseinandersetzung nehmen, sollte man sich für technische Übersetzung, bzw. Dolmetschen begeben.

In der Universitätsausbildung von Dolmetschern, im Kleingruppenunterricht kommt es schon mal vor, das dieselbe Zahlangabe von 4 Studenten auf 4 unterschiedliche Weisen wiedergegeben wird.

Sobald der professionelle Dolmetscher eine Zahl hört, notiert sie sie „Hals über Kopf“. Bei Synchrondolmetschen hört auch der gerade nicht sprechende Kabinengeselle aufmerksam zu und notiert Zahlen für den Kollegen.

Wird der Vortrag von einer Folienpräsentation (Slideshow) begleitet, erhält sie der Dolmetscher idealerweise im Voraus, damit er sie für schnelle Reaktionen kennen lernen kann.

3.2 DATUMSANGABEN

In den Sprachkombinationen Deutsch-Ungarisch und Englisch-Ungarisch ist auch die Übersetzung von Datumsangaben problematisch. Das Ungarische schreitet von der größten bis zur kleinsten Zeiteinheit, die deutsche Reihenfolge ist umgekehrt aber ebenfalls konsequent. Im Englischen gibt es jedoch zwei Möglichkeiten: das deutsch-ähnliche britische Tag-Monat-Jahr und das amerikanische Monat-Tag-Jahr Format. Da die ausschließliche Verwendung von Zahlen zum totalen Chaos führen würde, wird zumindest in der gesprochenen Sprache jedesmal der Name des Monats ausgesprochen.

Selbst wenn der Sprecher dessen bewusst und kooperativ ist, bleibt man als Deutsch-Englisch Dolmetscher hin und wieder für Augenblicke hängen: Auf welche Sprache arbeite ich gerade? Das Problem wiederholt sich zudem bei der Verdolmetschung von zweistelligen Zahlen; während Englisch ähnlich zum Ungarischen die Stellen von der größten bis zur kleinsten der Reihe nach vornimmt, geht das Deutsche bis zur Hunderterstelle der Reihe nach, tauscht aber Einser- und Zehnerstelle entgegen aller Vernunft um – mit Ausnahme von 11 und 12. Dies verursacht nicht nur im Deutsch-Ungarischen Dolmetschen Augenblicke des Kopfzerbrechens, sondern kann Hemmungen hervorrufen, wenn derselbe Dolmetscher auf Englisch arbeitet.

3.3 PERSONENNAMEN

Mit Ausnahme von Berufsnamen, bekannten Ortsnamen oder sonstigen sinnvollen Wörtern sind Namen: Aneinanderreihungen zufälliger Lauten. Bei Konsekutivdolmetschen lohnt es sich mindestens einmal zur Verdeutlichung um Wiederholung zu bitten, so begreift der Sprecher hoffentlich, solche Lautfolgen in Zukunft deutlicher zu artikulieren. Bei Synchrondolmetschen können wir versuchen sie zurückzugeben, aber in jedem Fall ist das Beste, die Namen auf einer Liste auf dem Tisch liegen zu haben.

Ausserdem fühlen sich manche bei der falschen Wiedergabe ihrer Position oder Titeln echt auf dem Schlips getreten, weil sie sich diese hart erkämpft haben. Hat der Dolmetscher die eine oder andere Realie nicht aufgenommen, sollte er von der Möglichkeit der Rückfrage Gebrauch machen.

4. AUFZÄHLUNGEN

Das menschliche Gehirn ist kein Rechner, aber es gibt Vortragende, welche dies scheinbar als wünschenswert erachten. Dass der Vortragende Notizen vor sich hat, mit welcher er die Vollständigkeit seines Vortrags, seiner Fakten sicherstellt, gilt als selbstverständlich. Leider kommt es aber häufig vor, dass der Vortragende zwecks der eigenen Entlastung alles vom Blatt vorliest. In dieser Situation entsteht die unfaire Erwartung gegenüber dem Dolmetscher, dass er auch alles genau wiedergibt, automatisch. Eine schnell nacheinander vorgetragene Aufzählung mit mehr als drei Elementen kann Zeitverluste verursachen.

Zusammenfassend sind Aufzählungen: Container für Fachtermini, Realien und Angaben und sind von höchster Informationsdichte.

Zum Glück bilden Aufzählungen oft feste Verbindungen und werden immer zusammen genannt; da ist es zweckmäßiger, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und nicht versuchen, wie ein Übersetzungsprogramm zu fungieren. Beispiel: als Begleiterscheinungen des modernen Lebens werden Stress – Depressionen – Angstzustände und Schlafstörungen oft in einem Atemzug erwähnt. Kommt es zu einer solchen Aufzählung, empfiehlt es sich, diese teilweise aus dem Gedächtnis hervorzurufen und es ist immer noch besser, wenn das eine oder andere Element verloren geht, als wertvolle Sekunden zu verlieren.

5. IDIOME

Idiome sind wie die Würze der Sprache, sie lassen Zusammenhänge frappierend abkürzen und amüsieren zumindest die Hälfte des Publikums – jedoch können sie Dolmetscher vor große Herausforderungen stellen. Für die Verdolmetschung von Idiomen bieten sich 5 Möglichkeiten an:

1. Es gibt ein eins-zu-eins Gegenstück in der Zielsprache, weil die eine Nation es von der anderen übernommen hat.

  • z.B. Äpfel mit Birnen vergleichen
  • = „almát körtével összehasonlítani”

2. Es gibt einen idiomatischen Gegenpart in der Zielsprache, mit dem so gut wie das gleiche ausgedrückt wird.

  • z.B. über dem Berg sein
  • = „látja a fényt az alagút végén” (das Licht am Ende des Tunnels zu sehen)
  • vereinfacht: túl van a nehezén (über dem schwierigen Part sein)
  • Hier wäre allerdings „túl van a zenitjén“ (über seinem Zenit sein) ein idiomatischer falscher Freund!

3. In der Zielsprache gibt es nur Idiome, welche sich mit dem quellsprachlichen Idiom nur sehr bedingt decken.

  • z.B. aus dem letzten Loch pfeifen
  • Spiegelübersetzung: “az utolsó lyukból sípol”
  • Folgendes würde sich anbieten: “100 sebből vérzik” („aus 100 Wunden bluten“)
  • was sich aber nicht ganz mit dem Original deckt, sondern so viel wie „an seinem Ende zu sein, es nicht mehr zu schaffen“ bedeutet

4. Das quellsprachliche Idiom hat gar kein Gegenstück auf der Zielsprache, aber seine Spiegelübersetzung wird schon verstanden werden.

  • z.B. jemandem den Fehdehandschuh hinwerfen
  • Spiegelübersetzung: „vkinek odavetni a vívókesztyűt“
  • Bedeutung: jdn. herausfordern

5. Das Idiom hat gar kein Gegenstück und eine Spiegelübersetzung wäre unverständlich; da hilft nur eine Umschreibung.

  • z.B. jemandem einen Bärendienst erweisen
  • = “valakinek medveszolgálatot tenni”– womit ungarische Zuhörer nichts anfangen könnten
  • eine verständliche Umschreibung wäre: “segítsége többet árt, mint használ” – „seine Hilfe richtet mehr Schaden als Nutzen an“

Das Lernen von Idiomen ist ein ziemlich vernachlässigter Teil des Sprachunterrichts und ist auch Dolmetschern von weniger Wichtigkeit wie die Kenntnis von Fachtermini und Realien. Allerdings können wir die meiste Sympathie mit einer frappierenden Übersetzung eines Idioms ernten, weil es entweder die Zusammengehörigkeit der beiden Kulturen unterstreicht (Fall 1) oder unser unfehlbares Sprachverständnis (Fall 2 und 3) oder schnelles Problemlösungsvermögen demonstriert (Fall 4 und 5).

Ein solides Idiomenverzeichnis mit Erklärungen finden Sie unter diesem Link.

6. FREMDARTIGKEIT DES THEMAS (DER ZUSAMMENHÄNGE)

Die Wissenschaft des Dolmetschens unterscheidet zwei Arten des Wissens:

  • Das deklarative Wissen ist die Gesamtheit der faktuellen Informationen über die Welt; es ist leicht zu verbalisieren, seine Quelle ist die Lebenserfahrung und die Medien.
  • Im Gegensatz dazu erfolgt die Anwendung des prozeduralen Wissens (der „Fertigkeit“ oder des „Könnens“) unbewusst.

Für einen Dolmetscher ist das deklarative Wissen das kulturelle und fachspezifische Wissen, sein prozedurales Wissen besteht aus sprachlichen und kognitiven Fertigkeiten, Dolmetsch-Strategien. Die beiden Begriffe sind im Deutschen mit den Wörtern „Wissen“ und „Können“ ziemlich gut abgedeckt.

Der Dolmetscher steht oft vor neuen Situationen, erfährt unbekannte Zusammenhänge und Unmengen von Wörtern. Sei er noch so intelligent, gebildet und weltläufig, landet er oft in Situationen, wo er unter allen Anwesenden am wenigsten Ahnung vom jeweiligen Fachgebiet hat.

Manche Kunden, die keine zweite Sprache beherrschen, haben leider die Vorstellung, dass der Dolmetscher so ähnlich wie ein einfacher Text-Übersetzer ist: er reiht Wörter hintereinander; die Inhalte verstehen muss er nicht. In Wirklichkeit arbeiten nicht einmal maschinelle Übersetzer so. Deswegen, wie wir es unermüdlich beteuern, muss der Dolmetscher viel lesen, sich weiterbilden, Fragen an Organisatoren, Vortragenden und Kunden stellen, bzw. im Voraus möglichst viel Material beschaffen – der Rest liegt nicht an ihm. Mit der Vorbereitung wächst natürlich sein deklaratives Wissen und mit der Praxis sein prozedurales Wissen, und je umfangreicher ist das letztere, desto mehr wird er dadurch bei seiner Arbeit entlastet, um mit dem ersterem effektiver umzugehen.

7. FREMDARTIGKEIT DER FORMULIERUNG

Selbst die Sprecher derselben Sprache können Selbiges unterschiedlich formulieren. Beispielsweise machen manche deutsche Muttersprachler von der modularen Erweiterbarkeit, von dem technischen Charakter ihrer Sprache verstärkt Gebrauch. Ein auffälliges Beispiel ist, wenn Schriftzeichen in die gesprochene Sprache gelingen („Fragezeichen” „Strägstrich” „Bindestrich”), was auf einen programmiersprachlichen Gebrauch der Sprache hinweist. Dies ist aber beispielsweise der ungarischen Denkweise fremd. Wenn der Dolmetscher während des Vortrags ein wachsendes Gefühl der Fremdartigkeit hat, empfiehlt es sich im Fall von Synchrondolmetschen die Décalage zu vergrößern. Die Gedanken des Sprechers der fremden Kultur zu verstehen ist seine Aufgabe; würde er zwar synchron bleiben aber das Gesagte auf einer der Zielsprache fremder Weise übergeben, würde er halbe Arbeit machen.

8. TEMPO

Wie bereits erwähnt, werden alle oben genannte Schwierigkeiten vom schnellen Tempo erschwert. Während Dolmetscher für Gewöhnlich zu schnelle Gesprächtempi beanstanden, kann auch das zu langsame oder dramatisch wechselnde Tempo Probleme bereiten.

Synchrondolmetschen: Während der Dolmetscher eine frühere Textstelle formuliert und eine noch frühere realisiert, kann der aktuell gehörte Text verloren gehen. Wenn der Dolmetscher immer mehr „schwarze Flecken“ vermutet und immer mehr antizipieren muss – herausfinden, was gesagt wurde – dann nimmt er besser etwas Verlust in Kauf und springt nach vorn in die Gegenwart, sonst werden seine Probleme auch noch von Stress erschwert.

Konsekutivdolmetschen: Hier strebt der Dolmetscher grundsätzlich ein optimales Verhältnis des Verständnisses / Merkens und des Notierens an. Ist er des Themas unkundig (s. Fremdartigkeit des Themas) und ist auch noch das Tempo schnell, muss er darauf achten, seine Rolle nicht zur die des Kurzschriftlers erniedrigen zu lassen, weil wenn seine Schrift unlesbar wird und / oder voll von unaufrufbaren Abkürzungen wird, verliert er den Faden.

9. VERHÖRER

Während Missverständnisse falsche Deutung von Inhalten aus komplexen Gründen sind, sind Verhörer die falsche Wahrnehmung von bekannten oder halb unbekannten Wörtern. Eine gewöhnliche Ursache dafür ist, dass die Lautung des Wortes einem anderen ähnelt – gerade wenn sie etymologisch tatsächlich ferne Verwandte sind.

Wenn der Dolmetscher ein Wort oder einen Teil davon aus einem physischen Grund nicht richtig hört (Umweltgeräusche, ungenaue Artikulation), dann

  • entweder erschließt er es aus dem Kontext
  • oder er findet anhand eines Wortteils und des Kontexts eine Lösung.

Von daher ist es beim Erraten hilfreich, wenn das Wort oder ein Teil des Wortes auf einer anderen Sprache etwas für den Dolmetscher sagt.

Welche Lösung wir auch wählen, die Bedeutung wird sich nicht unbedingt mit dem Original decken – „die Show muss aber weitergehen“.

Kurz zur Notation: Die ‘A Sprache’ des Dolmetschers ist seine Muttersprache, die ‘B Sprache’ ist seine erste (starke) Fremdsprache, welche er auch hervorragend sprechen kann, und seine ‘C Sprachen’ – wenn vorhanden – sind Fremdsprachen, welche er auf einem hohen Niveau versteht, jedoch nicht so hervorragend spricht.

Dolmetscher übersetzen zwischen A und B Sprache in beide Richtungen, und ihre ‘C Sprache’ sollte lediglich Quellsprache sein, von welcher sie in der Regel nur auf ihre ‘A Sprache’ übersetzen.

Verhörer kommen beim Zuhören der ‘C Sprache’ wesentlich häufiger vor. Die ‘B Sprache’ wird von der ‘C Sprache’ durch die Deutung vieler tausenden Stunden und viel Sprechproduktion unterschieden.

10. PROBLEME AUF TEXTEBENE

Während im direkten Gespräch Hinzufügungen – bei entsprechender Betonung – kein Problem darstellen, ist es aus zweiter Hand nicht immer verständlich, ob ein Nebensatz lediglich zwischen Klammern zu verstehen war, bzw. wo seine Grenzen waren. Ein eifriger Redner kann dies auch noch erschweren, wenn seine Rede eine endlose Serie von öffnenden Klammern ist, welche nie geschlossen werden. Dass jede Assoziation neue eröffnet, ist typischerweise ein Fehler von älteren Rednern; wenn man Glück hat, bereiten sie Notizen vor oder ein Moderator ist mitanwesend, welche sie im Zaum hält.

Auch der Gegenteil kann unvorteilhaft sein; wenn der Sprecher wesentliche Informationen aufgrund Voraussetzung einer Allgemeinbildung weglässt.

Schlecht gebaute Sätze erschweren die Aufgabe des Dolmetschers, z.B. wenn der Sprecher den Satz anders beendet, als was zu dessen Anfang gepasst hätte, Gedanken oder Wortkonstrukte abbricht, viele Neuanfänge macht, oder wenn seine Sätze keine Grenzen haben.

8-9-10 Praxistip: Der Kunde ist KEIN König

Wenn nur irgend möglich stellen wir eine Rückfrage bei einer gut nachvollziehbar problematischen Textteil und zwar möglichst am Anfang. Beispiele:

„Wenn Sie sagen, ‘wir haben ES gemacht‘, was meinen Sie damit?“

„Ist es letzten Endes gut oder schlecht was geschah?“

Und bei dieser Gelegenheit sollten wir in der Einfachheit der Formulierung und in der Klarheit der Artikulation mit gutem Beispiel vorangehen. Ein ungeduldiger / hektischer / scheuer Sprecher / Redner wird gewahr, was in seinem Sprechstil des Verständnisses hinderlich sein kann, und gibt sich im Idealfall Mühe, sich klarer auszudrücken.

Wir sind weder Prüfungskommission noch das hohe Gericht; grundsätzlich verrichtet der Dolmetscher seine Pflichten als ein bezahlter Dienstleister – aber Teil genau dieser Pflicht ist es auch, Missverständnisse vorzubeugen – selbst wenn das Risiko gerade der Kunde oder eine Ganz Wichtige Person darstellt.

11. EIGENTÜMLICHKEITEN DER QUELL- UND ZIELSPRACHE

Es gibt leichtere und schwerere (das Gehirn weniger bzw. mehr beanspruchende) Sprachkombinationen, bzw. die beiden Sprachrichtungen derselben Sprachkombination können unterschiedliche Herausforderungen bereithalten. Vergleicht man zwei Sprachen miteinander, ist der vielleicht auffälligste Unterschied die Informationsdichte; schaut man sich eine Englisch-Ungarische Broschüre oder Website an, wird der ungarische Text um 20% länger sein als das englische Original. Folglich kann man beim Dolmetschen den sehr kompakt formulierten englischen Text nur mit einem sehr hohen Sprechtempo auf Ungarisch wiedergeben. Das heißt nicht, dass wenn sich die Sprachrichtung ändert, der Dolmetscher die Beine baumeln lassen kann. Das englische Gegenstück wird nicht um 20% kürzer, weil das Ungarische andere, das Englische peinigende Konstrukte benutzt; außerdem steigt die „Rechenintensität“ an wenn man auf eine dichter formulierende Sprache arbeitet: man muss größere Einheiten umfassen, mehr antizipieren, und die Wörter der ersten intuitiven Lösung mehr „hin- und herschieben“.

Sprachpaare kann man wie folgt nach dem Schwierigkeitsgrad platzieren:

B → A C → A A → B A → C
gering mittelmäßig starke Beanspruchung unzweckmäßig

Bei Synchrondolmetschen decken die vielen ausgesprochenen Wörter sozusagen „physisch“ die nächsten Einheiten der Rede. Für Dolmetscher mit tiefer Stimmlage ist es vorteilhaft, wenn der Sprecher eine höhere Stimme hat und umgekehrt – aber mit der Praxis wächst auch die Fähigkeit der Trennung der eigenen und der fremden Stimme.

Indoeuropäische Sprachen erweitern ihren attributiven Konstrukte nach rechts während im Ungarischen die Attribute meistens nach links gehen. Dies führt sowohl in Sprachrichtung Indoeuropäisch – Ungarisch als auch umgekehrt dazu, dass man den kompletten attributiven Konstrukt abwarten muss, bis man mit der Reproduktion anfangen kann, was das Gedächtnis intensiv beansprucht.

Ein Beispiel für den unterschiedlichen Umfang des Englischen bzw. Ungarischen Version derselben Wendung:

  • Vortragende: „az Egyesült Királyság Európai Unióból történő kilépése által” (25 Silben)
  • Dolmetscher: „by the UK leaving the EU”

Selbst wenn der Dolmetscher alles ausgesprochen hätte, bestünde der Konstrukt („by the United Kingdom leaving the European Union“) auch nur aus 17 Silben – nur 2/3 der Silbenanzahl des Originals. Zum Tempounterschied können außerdem noch die Artikulationsmerkmale beider Sprachen beitragen; so könnten alle Sprachpaare spezifische Herausforderungen für Dolmetscher haben.

LITERATUR

Horváth Ildikó 2015. Bevezetés a tolmácsolás pszichológiájába
Budapest: ELTE Eötvös Kiadó.

Klaudy Kinga 2012. Bevezetés a fordítás gyakorlatába
Budapest: Scholastica Bt.

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