Posts, E-Mail-Listen & Chat: Wie vermeidet man Blutbäder?

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Die Nutzung der Smartphone kommt einem Zustand omnipräsenter Informationsverarbeitung gleich. So langsam bekommen unsere Geräte mehr Streicheleinheiten, als unsere Mitmenschen.

Kalender, Kamera, Navigator, Diktiergerät, Online Banking… das Smartphone hat eine Menge Vorteile, soviel ist unstrittig. Der durchschnittliche Nutzer benutzt es trotzdem überwiegend für das Lesen und Mitteilen von Text. Außer Informationsbeschaffung erhofft er Aufbau oder Erhalt seiner Gemeinschaft oder die Pflege seiner Beziehungen; auch in der Arbeit wächst die Rolle der mobilen Kommunikation. Von den Sechsjährigen bis hin zu den Siebzigjährigen sind so gut wie alle betroffen; die junge Generation blickt durchschnittlich alle 6,5 Minuten auf das Handy, und vor allem mit der Frage: hat jemand was geschrieben?

Buchstaben, Piktogramme. In Zeiten praktisch kostenloser Telefonie, sogar Videotelefonie (ganz zu schweigen von den virtuellen und erweiterten Realitäten). Also:

WIESO ZUM TEUFEL TEXTEN WIR SO VIEL?

Telefonieren ist eine Last, die Stimme könnte die Gefühle verraten. Jemanden mit Tonanrufen zu stören gilt nunmehr als aufdringlich; wenn er arbeitet, deswegen nicht und wenn er seine Freizeit genießt, dann deswegen nicht. Gleiches gilt für Videoanrufe, mit der Steigerung, dass man sich dafür auch nicht schön genug findet – am Bildschirm ist ja ansonst alles so perfekt. Bei beruflichen Gesprächen kann außerdem wichtig sein, dass das Vereinbarte dokumentiert wird.

Bleibt also der Text, dessen weiterer Vorteil ist, dass man zwischen zwei Nachrichten (Beiträgen) Dinge nachschlagen, an den Pointen feilen kann.

Wie ein wohltuender Schauer rieseln die bestätigenden Likes, und das Gespräch ist geistreicher als hätte er unter den gleichen Personen im echten Leben stattgefunden.

Aber für die Komplimente und getunte Gespräche müssen wir einen hohen Preis bezahlen.

Wem ist folgender Fall – so ungefähr – nicht bekannt?

Ein teils inhaltsreiche, teils witzig gemeinte Beitrag ist am gemeinschaftlichen Newsfeed erschienen. Beim Umstieg im Nahverkehr haben wir einen teils inhaltsreichen, teils witzigen Kommentar dazu geschrieben. Kurz darauf müssen wir feststellen, dass jemand unser brillanter Einfall missdeutet und einen Esel aus uns gemacht hat. Vor den Augen der ganzen Gemeinschaft! Als wäre dies nicht schlimm genug, kommen bereits die ersten Hinzufügungen dazu. DAS SCHREIT NACH RACHEE!!

Diese Fälle entstehen wohl aus einer Kombination von Überreaktionen und Missverständnisse beider Parteien, eventuell hat man sehr unterschiedliche Auffassungen von Sachen, die man ansonsten nicht mit jeden Entgegenkommenden diskutieren würde. (Politik, Gender und Religion sind hier führende Themen, viel gezofft wird aber auch über die Fachkundigkeit des jeweiligen Dialogpartners und letztlich wie man kommunizieren sollte.)

BABEL

Der Text ist missverständlich, weil der reiche Kontext des persönlichen Gesprächs und die für Livegespräche typische Nuancierung durch Tonfall, Mimik, Körpersprache und Pausen fehlen. Die falsche Verbindung von Fragen und Antworten, das Fehlen von Häkchen, aber auch die Dichtkunst der prädiktiven Eingabe können auch Missverständnisse erzeugen.

An Internet-Portalen treffen sich auch sehr unterschiedliche Menschen, die meistens keine professionellen Autoren sind.

Je nachdem, wer wen bereits geblockt hat, sehen die Nutzer nicht einmal den gleichen Thread (Faden).

Aufgrund der beliebig langen Reaktionszeit sind auch die Sprüche getunt, die Öffentlichkeit droht mit der Demütigung, mit wachsender Entfernung sinken die Hemmungen, es fehlt die Solidarität, welche Auge in Auge immer noch vorhanden ist; die Wahrung des Ehrgefühls anderer.

Deswegen sind flame wars an Foren und Social Media Seiten so frequent.

Ist es nicht sonderbar, dass schriftliche Gefechte viel häufiger vorkommen als persönliche?

Das heißt, das schriftliche Tuning ist nicht nur Brutstätte der gemütlichen Gespräche, sondern auch der bösesten Streitereien.

Virtuelle Feinde kann man steriler ignorieren, ausschließen. Das Ergebnis ist die vollkommene Stille zwischen den Parteien – und das Meiden persönlicher Begegnungen.

Beim Schreiben ist der Zügel beim Intellekt, und der macht in seiner optimierenden Laune auch Sachen, von dem sich das Herz sträubt. Das Resultat sind Lügen und Enttäuschung. Besonders auffällig ist das bei den Onlinedating Portalen.

SCHÖNES NEUES 21. JAHRHUNDERT

Es wäre grobe Vereinfachung zu denken, dass viele sich einfach nicht zu benehmen wissen, oder gar dass sie böse sind, aber zweifellos steigt eine Überspannung aus vielen weltweit an, und der gesellschaftliche Umgang ist nicht von zunehmenden Respekt gekennzeichnet.

Immer breitere Menschenmengen fordern immer mehr Freiheiten, und ziehen auch die letzten Autoritäten in den Dreck. Der Ringkampf von individuellem und gemeinschaftlichem Interesse ist nicht nur im Leben von Prominenten nachzuvollziehen, sondern bei allen. Anderswo werden immer mehr Freiheitsrechte entzogen, und wecken Erinnerungen an mittelalterlichen Zuständen. Die Geldwirtschaft des 21. Jahrhunderts ist aus vielen Hinsichten unhaltbar (um nicht zu sagen, völlig verrückt), trotzdem setzt sie genau da fort, wo sie 2008 aufgehört hat. Aufgrund der Klimawandel könnte man meinen, dass es keinen Morgen gibt. Und der ausgebeutete Süden legt dem hochentwickelten Norden eine ungeheure Rechnung vor.

Unsere Generation hat Zugriff auf alle Kenntnisse über die Welt und ihre Geschichte, unsere Meinung wird nicht von irgendwelchen Eliten diktiert. Traditionell privilegierten Gruppen (der Ältere, der Mann, der Vermögende, der Familienmensch) kommt kein besonderer Respekt mehr zu. Je mehr benachteiligt eine traditionelle Rolle in der Vergangenheit war (das Kind, die Frau, der Arme, der Angehörige der LMBTQ-Community), mit desto mehr Überzeugung fordert auch das letzte Individuum sein Recht auf Partizipation. Die Zyklen von Vereinigung-Krise-Zerfall sind schneller geworden, ob es um Beziehungen, Gemeinschaften, politischen oder wirtschaftlichen Unionen geht.

Unsere der Natur ausgesetzten, versklavten, in physischer Arbeit abgenutzten Vorfahren würden uns beneiden. Die Bevölkerung der nördlichen Hemisphäre kann sein – langes – Leben mit Kommunizieren und Unterhaltung und ebenso leichten Arbeiten verbringen.

Dennoch: obwohl der Mensch das Schreiben gelernt hat (vor 5000 Jahren), benutzt er immer noch die Sprache (wie seit mehreren 10000-en Jahren). Und obwohl er zu sprechen vermag, setzt er immer noch Mimik und Körpersprache ein (so wie in den letzten mehreren 100 Millionen Jahren). Und obwohl er auch von Letzteren Gebrauch macht, kommuniziert er immer noch mit Berührungen, sogar in geringem Maß mit Pheromonen (so wie die Ahnen seiner Ahnen seit 4,3 Milliarden Jahren).

Alle Kommunikationsmedien ermöglichten die Mitteilung von Inhalten vielfältigerer Nuancen und hatten weitere Vorteile, waren aber der Manipulation immer mehr ausgesetzt, als die vorangehenden.

In diesem Maßstab betrachtet ist die mit falschen Smileys aufgeputzte Kurznachricht eine Gepflogenheit, die viele Probleme bringt, und deswegen bald zurückgedrängt wird.

EBNUNG VON ONLINE STREITIGKEITEN

Wie kann man nun online Krawallen regeln? Damit haben sich bereits die Netiquetten der 90er Jahre befasst. Nun soll unsere eigene Empfehlung folgen:

  1. Wenn es keinen Sinn hat, sollte man am besten überhaupt nicht schreiben. Befassen wir uns mit etwas anderem, oder kommunizieren wir Angesicht zu Angesicht.
  2. Sollten wir komische, undeutbare Nachrichten erhalten, können wir die bis anhin entstandenen Beiträge durchgehen, schneller und zuverlässiger ist es aber, den Absender telefonisch anzurufen.
  3. Ist eine heikle Situation entstanden, beging unser Gegenüber womöglich einen Fehler. Geben wir ihm die Chance, dies einzusehen.
  4. Erkennen wir unsere eigenen Gefühle, und behandeln sie entsprechend.
  5. Auch unterschiedliche Erwartungen können zu Konflikten führen. Kann es sein, dass unsere Erwartungen nicht realistisch waren? Welches ist das minimale Ergebnis, was aus der entstandenen Situation herauszuholen ist?
  6. Lassen wir alles weg, was kritisch ist oder missverstanden werden könnte. Analysieren wir auf keinen Fall die Persönlichkeit des anderen.
  7. Beziehen wir uns auf allgemeine Prinzipien. Benutzen wir dabei eine positive Sprache, d.h.: Wenn [Werte und Tugenden], dann [die guten Zustände].
  8. Vermeiden wir Agitation; besser wir bewegen den anderen zu der gewünschten Feststellung.
  9. Vermeiden wir das von Hervorhebungen dröhnendes Schriftbild (Großbuchstaben, Ausrufezeichen, hohe Schriftgrößen, Fett- und Kursivschrift).
  10. Gehen wir sparsam mit Zitierungen des anderen vor. Ein aus dem Kontext gerissenes Zitat kann auch falsch sein. Kommunikation ist nur in ihrem vollständigen Kontext richtig zu deuten.
  11. Arbeiten wir die möglichst einfachste Argumentierung heraus.
  12. Vor dem Absenden / Veröffentlichen legen wir alle Posts und E-Mails bei Seite, und kommen später darauf zurück.
  13. Sollten wir uns von jemandem trennen müssen, tun wir es ordentlich, zielgerichtet.

Friedliche Kommunikation und erbauende Beziehungen wünsche ich Ihnen, auch im richtigen Leben!

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